Sa. 1. + So. 2.10.22 • 12 – 18:00 Uhr • Offenes Atelier • hierunda off art + sound space

Offenes Atelier im hierunda Off Art + Sound Space • Mörkenstraße 9, 22767 Hamburg
Samstag und Sonntag, 1. + 2. Oktober 2022, 12 – 18 Uhr

Vorflurschaden und Raumverstärker, installiert

Malerei, Videos, Partituren und Situationen
Vorflurschaden – Dokumente. Malerei von Judith Haman.
Videos aus der Corona Zeit.
Und von inszenierten Partituren.
Situationen.
Judith Haman & Heiner Metzger

https://www.hierunda.de/

Mehr zu den Offenen Ateliers in Hamburg auf der Website des BBK:
https://www.bbk-hamburg.de/offene-ateliers-2022/

Flatter • Video bei Feuerlöscher TV

Thanxs Skrollan for that great video of the flatter concert 12.6.22

27.5 – 29.5.22 • Kleine Formate • Atelierhaus Breite Straße 70

Judith Haman ist Gast bei der Ausstellung • Kleine Formate 11 Jahre Atelierhaus Breite Straße 70 27. – 29.5.2022

Vérification de l’ombre • neue Bilder von Judith Haman

Vérification de l’ombre
eine Bilderserie von Judith Haman
Öl und Tempera auf Leinwand 70 x 90 cm • Juni 2020
Tempera auf Papier 25 – 30 cm x 25 cm • Mai 2020

Vérification de l’ombre
eine Bilderserie von Judith Haman
Öl und Tempera auf Leinwand 70 x 90 cm • Juni 2020
Tempera auf Papier 25 – 30 cm x 25 cm • Mai 2020

Mein Blick aus dem Fenster zu Corona-Zeiten im April und Mai 2020. Des Nachmittags ist der Sonnenstand so, daß die geradewegs laufenden Menschen auf dem mir gegenüberliegenden Gehweg vor dem Polizeigebäude einen schönen langen Schatten werfen. Entweder kommen sie von links und gehen nach rechts die Straße weiter oder von rechts nach links, je nachdem hängt ihnen ihr Schatten an den Fersen oder er läuft vor ihnen her.
Nach wenigen Tagen installierte die Polizei auf dem Gehweg eine Corona-Testfläche, unbenutzt wurde sie nach drei Wochen abgebaut. 

Anmerkungen zum Schatten

„Ein nichtleuchtender Körper kann nur teilweise von einem leuchtenden Körper erhellt werden. Der lichtlose Raum, welcher auf der Seite des nicht beleuchteten Teiles liegt, ist das, was man Schatten nennt. Schatten bezeichnet also im eigentlichen Sinne einen körperlichen Raum, dessen Gestalt zugleich von der Gestalt des leuchtenden Körpers, von der des beleuchteten und von ihrer gegenseitigen Stellung gegeneinander abhängt.
Der auf einer hier dem schattenwerfenden Körper befindlichen Fläche aufgegangene Schatten ist daher nichts anderes als der Durchschnitt dieser Fläche mit dem körperlichen Raum (französisch le solide, also wörtlich dem Soliden), den wir vorher durch den Namen Schatten bezeichneten.
Von dem zuletzt erwähnten Soliden ist nun die Rede in der wundersamen Historie des Peter Schlemihl. Die Finanzwissenschaft belehrt uns hinlänglich über die Wichtigkeit des Geldes; die des Schattens ist minder allgemein anerkannt. Mein unbesonnener Freund hat sich nach dem Gelde gelüsten lassen, dessen Wert er kannte, und nicht an das Solide gedacht. Die Lektion, die er teuer bezahlen müssen, soll, so wünscht er, uns zunutze kommen, und seine Erfahrung ruft uns zu: „Denket an das Solide!““ 
Berlin, August 1834, Adelbert von Chamisso

„Und ja, der Schatten ist auch eine Metapher für das Unbeachtete, weniger das individuelle und kollektive Unbewußte, vielmehr die gesellschaftlichen Bereiche jenseits der permanenten Beachtung. Wortbildungen wie ‚der Kurschatten‘, ‚das Schattenkabinett‘ oder ‚die Schattenwirtschaft‘ sind nur einige im Sprachgebrauch, die das ansprechen. (…)
In Krisenzeiten ereignen sich dann merkliche Wechsel, die Schattenbereiche rücken in den Fokus, werden beachtet und die schattenwerfenden Subjekte vom Schatten aus bewertet. Sie werden zu Objekten, deren Qualitäten die Schattensubjekte taxieren.
Der nie versiegende Reichtum Schlemihls in dem Kunstmärchen von Adelbert von Chamisso hilft ihm jedoch nicht, aller Reichtum kann dem nicht helfen, der seinen Schatten verkauft hat.
Es ist zwar nicht einsichtig, inwiefern Andere unter seiner Schattenlosigkeit leiden, sein Freund und Diener Bendel hat kein Problem damit, doch seine gesellschaftliche Integrität ist dahin, unerreichbar verschwunden wie sein Schatten.
Täuschung und Gold helfen wenig, ihr Wert wiegt den fehlenden Schatten nicht auf, der Rücktausch mit der Seele wäre ein Verlustgeschäft, bleibt nur das Herumirren, die Erforschung der Welt und Einsamkeit.
Konstruiert die Fiktion durch eine kleine Aufhebung von Realität gerade diese in ihrer Unerbittlichkeit und postuliert sie als unveränderbar, schimmert die fluide Anhänglichkeit des Schattens dagegen voller Hoffnung – es kann noch anders werden.“
Heiner Metzger, Juli 2020

Video: Vérification de l’ombre • Judith Haman

Video: Judith Haman
Postproduction, Sound: Heiner Metzger

Hamburg 2020

Video: „able to keep a mask on the flaneur at all times“ • Judith Haman

„able to keep a mask on the flaneur at all times“
Judith Haman

Video; Produktion: Heiner Metzger
http://www.hierunda.de

Hamburg 2020

Video: Le clou du prophète • Judith Haman

Le clou du prophète

Konzept: Judith Haman

Video, Cut, Produktion:
Heiner Metzger

Hamburg 2020

Corona Papers #1: Bote und Botschaft ohne Körper

CORONA-PAPERS #1

Bote und Botschaft ohne Körper

Dies Bild fand Peter Weibel (ZKM Karlsruhe) in seinem Interview über die Auswirkungen der Corona-Krise.

Aus: Max Weber (1864-1920),  Diagnose der Moderne

„Es ist keinesfalls abwegig zu behaupten, daß die Auslöschung der Menschen mit dem Auslöschen der Keime beginnt, denn so wie er nun einmal ist, mit seinen Launen, seinen Leidenschaften, seinem Lachen, seiner Sexualität, seinen Ausscheidungen, ist der Mensch selbst nichts als ein dreckiger kleiner irrationaler Virus, der das Universum der Transparenz stört.
Wenn alles ausgemerzt ist, wenn der Virenentwicklung und jeglicher Ansteckung durch das Soziale oder durch Bazillen Einhalt geboten ist, dann wird, in einem Universum tödlicher Sauberkeit und Verfälschung, nur noch der Virus der Traurigkeit übrig bleiben.“

Aus: Michel Foucault, Die Geburt der Klinik, 1963, Kapitel 2: Ein politisches Bewusstsein 

„Epidemische Krankheiten nennt man alle jene Krankheiten, die eine große Anzahl von Personen zur selben Zeit mit denselben Symptomen befallen. Es gibt also keine Natur- oder Artdifferenz zwischen einer individuellen Krankheit und einem epidemischen Phänomen.
Es genügt, daß ein sporadisches Leiden gehäuft auftritt, dann ist es eine Epidemie. Es handelt sich um ein rein arithmetisches Problem der „Schwelle“: das Sporadische ist nur eine unterschwellige Epidemie. Wir haben es nicht mehr mit einer Wahrnehmung von Wesenheiten und Ordnungen zu tun wie in der Medizin der Arten, sondern mit einer Wahrnehmung von Größen und Zahlen.
Der Anhaltspunkt dieser Wahrnehmung ist nicht ein spezifischer Typ, sondern eine Verknotung von Umständen. Die vertrauten pathologischen Formen werden zitiert, um ein komplexes Spiel von Überkreuzungen zu bilden, etwa so wie Symptome eine Krankheit konstituieren. Der wesentliche Grund aber ist der Augenblick, der Ort, die scharfe, stechende, dünne schneidende Luft, die im Winter an diesen Orten herrscht.

Die Regelmäßigkeit der Symptome läßt keine Weisheit einer natürlichen Ordnung durchscheinen. Sie spricht nur von der Konstante der Ursachen, von der Hartnäckigkeit eines globalen Drucks, der eine bestimmte Krankheit hervorruft. Bald handelt es sich um eine Ursache, die längere Zeit anhält. Bald handelt es sich um Ursachen, die mit einem Schlag am selben Ort eine große Anzahl von Menschen angreifen, und zwar ohne Unterschied des Alters, des Geschlechts und des Temperaments.
Sie stellen die Tätigkeit einer allgemeinen Ursache dar, diese ist aber als rein zufällig zu betrachten, da die von ihr hervorgerufenen Krankheiten nur eine bestimmte Zeit herrschen. Man muß nicht erstaunt sein, daß sich die Krankheit trotz der großen Verschiedenheit der betroffenen Personen, ihrer Anlagen und ihres Alters, bei allen in denselben Symptomen zeigt. Das kommt daher, daß die Trockenheit oder die Feuchtigkeit, die Hitze oder die Kälte, sobald sich ihre Tätigkeit etwas ausweitet, eines unserer konstitutiven Elemente – Alkali – Salz – Phlogiston – zur Vorherrschaft bringt „dann sind wir den Wirkungen ausgesetzt, die dieses Element hervorruft, und diese Wirkungen sind notwendigerweise dieselben für die verschiedenen Personen.

Die Analyse einer Epidemie stellt sich nicht die Aufgabe, die allgemeine Form der Krankheit zu erkennen, indem sie ihr im abstrakten Raum der Nosologie (systematische Beschreibung von Krankheiten) einen Platz anweist. Sie will vielmehr unterhalb der allgemeinen Zeichen dem besonderen Prozess auf die Spur kommen, der je nach den Umständen von einer Epidemie zur anderen variiert, der von der Ursache der Krankheit zu ihrer Form einen Faden zieht, welcher allen Kranken gemeinsam ist, aber nur an diesem Raumzeitpunkt vorkommt. Während sich die artbestimmte Krankheit immer – mehr oder weniger – wiederholt, wiederholt sich die Epidemie niemals.

In dieser Wahrnehmungsstruktur kommt dem Problem der Ansteckung relativ wenig Bedeutung zu. Die Übertragung von einem Individuum auf ein anderes ist in keinem Fall das Wesen der Epidemie.
Sie kann zwar in der Form des „Miasmas“ (Verunreinigung, Ansteckung, krankheitsverursachende Materie), die durch faulige Prozesse in Luft und Wasser entsteht oder des „Gärungsstoffes“, der sich durch die Nahrungsmittel, durch die Berührung, durch den Wind, durch die umgebende Luft ausbreitet, eine Ursache der Epidemie bilden, sei es eine direkte und erste (wenn sie die einzige tätige Ursache ist), sei es eine zweite Ursache (wenn in einer Stadt oder in einem Spital das Miasma das Produkt einer epidemischen Krankheit ist, die von einem anderen Faktor hervorgerufen wurde).
Aber die Ansteckung ist nur eine Modalität des massiven Faktums der Epidemie.
Ob sie nun ansteckend ist oder nicht – die Epidemie hat eine Art historischer Individualität. Daher erfordert sie eine komplexe Beobachtungsmethode: man muß das Ereignis im Detail beschreiben, in Zusammenhang stellen, den die Wahrnehmung durch verschiedene Personen einschließt. Überschneidungen der Perspektiven, wiederholten und korrigierten Informationen.
Aber diese Erfahrungsweise kann ihre volle Bedeutung nur erhalten, wenn sie von zwingenden Maßnahmen ständig begleitet wird. Es kann keine Medizin der Epidemien geben, die nicht durch die Polizei ergänzt wird: man muß die Bergwerke und die Friedhöfe überwachen, man muß möglichst oft die Einäscherung der Leichen anstatt ihrer Beerdigung erreichen; man muß den Handel mit Brot, Wein und Fleisch kontrollieren; man muß den Schlachthäusern und den Färbereien Verordnungen auferlegen, man muß die ungesunden Wohnungen verbieten.
Nach einer detaillierten Untersuchung des gesamten Territoriums müßte man für jede Provinz eine Gesundheitsverordnung erlassen, die „bei der Predigt oder in der Messe alle Sonn- und Feiertage zu verlesen wäre und die Art beträfe, in der man sich ernährt und kleidet, wie man Krankheiten vermeidet, wie man herrschenden Krankheiten vorbeugt und wie man sie heilt. usw.usw.

Schließlich müßte man einen Stab von Gesundheitsinspektoren schaffen, die man auf verschiedene Provinzen verteilen könnte, indem man jedem ein bestimmtes Gebiet zuweist. Hier würde er medizinische Beobachtungen anstellen, aber auch solche, die sich auf die Physik, Chemie, Naturgeschichte, Topographie und Astronomie beziehen.
Er würde die notwendigen Maßnahmen anordnen und die Arbeit des Arztes kontrollieren.
Es wäre zu wünschen, daß es sich der Staat zur Aufgabe machte, diesen Ärzten das Auskommen zu sichern, und daß er die Auslagen übernähme, die die Neigung zu nützlicher Entdeckertätigkeit mit sich bringt.

Die Medizin der Epidemien widersetzt sich einer Medizin der Klassen ebenso, wie sich die kollektive Wahrnehmung eines globalen aber einzigen und sich niemals wiederholenden Phänomens von der individuellen Wahrnehmung abhebt, in der eine Wesenheit trotz der Vielfalt der Phänomene ständig als identisch erscheint.
In dem einen handelt es sich um die Analyse einer Serie, in dem anderen um die Entzifferung eines Typs; bei den Epidemien geht es um die Integration der Zeit und um die  Feststellung einer Kausalitätsbeziehung, bei den Arten um die Definition einer hierarchischen Stellung und um die Auffindung einer wesenhaften Kohärenz; handelt es sich hier um die nuancierte Wahrnehmung eines komplexen historischen und geographischen Raumes, so geht es dort um die Definition einer homogenen Ebene, auf der Analogien abzulesen sind.
Aber letzten Endes, wenn es sich um die tertiäre Konfiguration handelt, die die Krankheit, die medizinische Erfahrung und die Kontrolle des Arztes auf die gesellschaftlichen Strukturen bezieht, finden sich die Pathologie der Epidemien und die der Arten vor denselben Anforderungen, nämlich vor der Notwendigkeit, einen politischen Status der Medizin zu definieren und auf Staatsebene ein medizinisches Bewusstsein herzustellen, mit der Aufgabe ständiger Information, Kontrolle und Zwangsdurchsetzung.
All diese Dinge betreffen eben so sehr die Polizei, wie sie in den eigentlichen Bereich der Medizin gehört.“

Der tiefere Grund der Epidemie ist danach nicht die Pest oder Corona, es ist Marseille im Jahre 1721 oder Italien, China, Spanien, USA, Deutschland und die ganze Welt im Jahre 2020.

Wie können wir daran weiterdenken: nach Foucaults Ausführungen in „Wahnsinn und Gesellschaft“, nach „Überwachen und Strafen“, und hier die Forderung, einen politischen Status der Medizin zu definieren und auf Staatsebene ein medizinisches Bewusstsein herzustellen, mit der Aufgabe ständiger Information, Kontrolle und Zwangsdurchsetzung.

Eine Normalisierungsgesellschaft ist der historische Effekt einer auf das Leben gerichteten Machttechnologie.

April 2020, Judith Haman

dazu auch: Foucault II: Der Virus und die Biopolitik/-macht
in dem Blog diebresche
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ein Gastkommentar von Giorgio Agamben:
Giorgio Agamben zum Umgang der liberalen Demokratien mit dem Coronavirus: Ich hätte da eine Frage

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